Aus Brandkatastrophen lernen
Die grössten Brandkatastrophen der letzten Jahrzehnte hatten meist triviale Ursachen – und hinterlassen Lehren, die bis heute gelten. Dieser Beitrag stellt einige der folgenreichsten Brandereignisse sachlich gegenüber und zeigt, warum Brandschutz so einfach sein könnte – und es so selten ist.

Wir lernen nicht nur, aber auch aus Katastrophen. «Die Schäden von heute sind die Normen von morgen» – mit diesem Satz endet eine ARD-Reportage über die Brandkatastrophe von Kaprun. Dieser Beitrag will für einen Teil der grössten Brandkatastrophen der letzten Jahrzehnte die kleinen und oft trivialen Ursachen aufzeigen, die zu elementar grossen Problemen geführt haben.
Fordwerke Köln, 20. Oktober 1977
Der bis heute grösste Einzelschaden – zum Glück nur Sachschaden – in der Geschichte Deutschlands ereignete sich in Köln. Das zentrale Ersatzteillager für Europa der Firma Ford brannte trotz Sprinkleranlage zum grossen Teil ab – und beschädigte damit jahrelang das Ansehen der Sprinklertechnik. Was klar ist: Die eingelagerten Produkte wurden zunehmend von nichtbrennbar auf brennbar umgestellt, auch leicht entflammbare Verpackungen nahmen zu. Hinzu kam, dass möglicherweise eine Hydraulikleitung platzte und das herausspritzende Öl das Feuer zu schnell und zu stark vergrösserte.
Lehren: Erstens muss die Wartungsfirma jährlich kritisch prüfen, ob die Anlage den Brandlasten noch gerecht wird – kein kritikloses Abnicken. Zweitens sollte eine Sprinkleranlage lieber eine oder zwei Stufen höher ausgelegt sein, um beim eingelagerten Gut flexibel zu bleiben. Eine Nachrüstung ist meist nicht möglich – nur ein Totalaustausch.
Explosion der Rolandsmühle Bremen, 6. Februar 1979 – 14 Tote
Die Rolandsmühle stellte Mehl her – ein Material, das nicht brennbar ist und dennoch Explosionen auslösen kann. Aufgrund der feinen Verteilung des Mehls sowie der thermischen Reaktion jedes einzelnen Staubkorns bei Erhitzung ist das möglich. Ein Brand löste eine kleine Verpuffung aus, gefolgt von weiteren Mehlaufwirbelungen – bis das grösste Mehlsilo zerbarst und die gesamte Anlage durch eine letzte, grosse Explosion zerstört wurde. Einige der Todesopfer konnten nicht mehr gefunden werden.
Lehre: Stäube sind grundsätzlich extrem gefährlich – insbesondere wenn sie sehr fein sind, aufgewirbelt und gezündet werden. Das gilt für geringe Mengen ebenso wie für grosse, und nahezu unabhängig vom Material: ob Blütenstaub, Papier-, Holz-, Metall- oder Kunststoffstaub. Kleinste Energien wie Elektrostatik können sie entzünden. Sie sind deshalb zu binden, abzusaugen, zu befeuchten und möglichst am Entstehungsort automatisch zu erfassen.
U-Bahnbrand London, King’s Cross, 18. November 1987 – 31 Tote
Einer der ältesten U-Bahnhöfe der Welt, die erste Rolltreppe – damals aus Holz. Feine Stäube und Fett, die sich über Jahrzehnte unter der Rolltreppe gesammelt hatten, wurden offenbar durch ein glimmendes Zündholz entzündet. Die Bewegung der Rolltreppe sorgte für Luftzufuhr. Ein Brandschutzkonzept gab es nicht.
Lehre: Sauberkeit und technische Wartung, aber auch der konsequente Austausch veralteter Anlagen hätten hier Vorsorge geschaffen – nicht aber eine Schulung der Nutzerinnen und Nutzer, denn auf deren Verhalten hat man keinen Einfluss.
Flughafen Düsseldorf, 11. April 1996 – 17 Tote
Feuergefährliche Arbeiten lösten die Brandkatastrophe aus. Nicht vorbereitete Einsatzkräfte waren überfordert. Fehlende bauliche Abtrennungen, fehlende Brandschutztechnik und fehlender organisatorischer Brandschutz ermöglichten den verheerenden Verlauf.
Lehren: Rauchmelder gehören auch in Doppelböden und abgehängte Decken. Brennbare Dämmmaterialien sind grundsätzlich negativ einzustufen. Bei feuergefährlichen Arbeiten braucht es vorab kritische Begehungen sowie eine Brandwache mit geeigneten Löschmitteln vor Ort. Komplettbesprinklerungen solcher Gebäude gehören heute zum Stand der Technik. Baulicher Brandschutz bedeutet: Brandbegrenzung auf einen Bereich. Die Lehren aus Düsseldorf führten übrigens zu einem wirklich gut gesicherten Neubau – und zum präventiven Umbau des Grossflughafens Frankfurt/Main.
Bergbahn Kaprun, 11. November 2000 – 155 Tote in wenigen Minuten
Ein Heizlüfter für den privaten Gebrauch – mit dem deutlichen Hinweis «nicht in Fahrzeuge einbauen» – wurde in die Kabine direkt vor eine Hydraulikleitung gesetzt. Das Gerät hatte ein nicht ausreichend sicheres Lager und Ventilatorblätter aus Kunststoff. Es kam zum Brand, zu einer Verpuffung und zu vielen tausend Kubikmetern an giftigen und tödlich heissen Rauchgasen. Da es in der engen Röhre keine Entrauchung gab, überlebten nur wenige, die sich durch eingeschlagene Fenster nach unten retten konnten. Die meisten flohen nach oben – und erstickten.
Lehren: Veränderungen an technischen Geräten bedürfen einer professionellen Gefährdungsbeurteilung. Ein Brandschutzkonzept muss sicherstellen, dass Entstehungsbrände in engen Räumen umgehend erkannt und bekämpft werden können. Und es muss dafür sorgen, dass es zu Bränden gar nicht erst kommt.
Diskothek in Göteborg, 29. Oktober 1998 – 63 Tote
Es gab einen zweiten Fluchtweg – doch der war mit brennbaren Möbeln zugestellt. Ein vom Türsteher abgewiesener Jugendlicher versuchte über diesen Weg vergeblich, in die Diskothek zu gelangen. Aus Frust zündete er die Möbel an – sicherlich ohne die Absicht zu haben, andere zu töten. Die versperrte Tür versagte, Rauch drang ein und wurde erst zu spät als tödliche Gefahr erkannt.
Lehren: Fluchtwege sind jederzeit freizuhalten. Brandmelder machen Sinn, und feuerhemmende Türen zu kritischen Bereichen ebenso.
Diskothek in Amsterdam, 1. Januar 2001 – 14 Tote
Wunderkerzen entzündeten leicht entflammbare Dekorationen, die in grossen Mengen für die Silvesterfeier vorhanden waren.
Lehre: Dekorationen in Versammlungsstätten müssen nichtbrennbar oder mindestens schwer entflammbar sein. Zündquellen sind konsequent zu meiden – eine Lehre, die auch 25 Jahre später, beim Brand in Crans-Montana offenbar nicht verinnerlicht war.
Event-Bauernhof in Schneizelreuth, 23. Mai 2015 – 6 Tote
Der mehrere hundert Jahre alte Bauernhof war nicht dafür ausgelegt, 48 zum Teil angetrunkenen Personen Obdach zu geben. 42 davon übernachteten im ersten Obergeschoss, sechs im darüber liegenden Dachstuhl. Dort gab es keinen zweiten Fluchtweg – und beide Etagen hatten keinen funktionierenden ersten Fluchtweg, der auch nur annähernd der heutigen bayerischen Landesbauordnung entsprochen hätte. Personen im ersten Obergeschoss retteten sich durch gefährliche Sprünge vom Balkon.
Lehre: Jeder Aufenthaltsbereich benötigt einen professionellen ersten und einen geeigneten zweiten Fluchtweg auf derselben Ebene – so platziert, dass ein einziges Feuer nicht beide unpassierbar macht. Sind viele Menschen gefährdet, muss der zweite Fluchtweg baulich gegeben sein. Ein Anleitern durch die Feuerwehr reicht dann nicht aus. Aussenliegende Treppen mögen optisch störend wirken – sie gelten jedoch als besonders sicher, da sie nicht verrauchen können.
Grenfell Tower London, 14. Juni 2017 – 72 Tote
Dieses Sozialwohnhaus wurde rein optisch saniert – aber nicht brandschutztechnisch. Die Fassadendämmung war brennbar (in Deutschland bei Hochhäusern verboten), Türen zu Fluchtwegen waren aufgekeilt, Flure und Treppenhäuser vermüllt. Die Fensteranschlüsse zur Dämmung waren nicht geschottet. Ein Feuer in einer Wohnung breitete sich nachts rasch über die Fassade aus – und verrauchte den einzigen baulichen Fluchtweg tödlich.
Lehren: Baulicher Brandschutz ist ernst zu nehmen – es geht nicht um Optik, sondern um Sicherheit. Aufgekeilte Türen sind inakzeptabel, Flure und Treppenhäuser sind absolut brandlastfrei zu halten. Zwei Sicherheitstreppenhäuser – in Deutschland ab 60 m Gebäudehöhe gefordert – machen es faktisch unmöglich, dass Brandrauch diese Fluchtwege unpassierbar verraucht.
Bar in Crans-Montana, 1. Januar 2026 – 40 Tote
Die Ermittlungen laufen noch, daher erfolgt hier keine Kommentierung.
Lehren: Wenn man organisatorisch gut aufgestellt ist, Brandlasten und Zündquellen bei der Gefährdungsbeurteilung berücksichtigt oder vermeidet und je Ebene ausreichend breite, unversperrte Ausgänge stellt, kommt es nicht zu Bränden. Und damit auch nicht zu Toten.
Fazit
Wir brauchen grundsätzlich keine neuen oder gar strengeren Bestimmungen. Wir müssen lediglich die bestehenden kennen und umsetzen. So einfach ist Brandschutz – so einfach könnte er sein. Doch Gewinnoptimierung und das Nicht-Ernst-Nehmen von Vorgaben werden wohl auch weiter dafür sorgen, dass es Brandtote zu beklagen gibt.
Edward Murphy sagte schon: Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen – früher oder später. Wir wissen nur nicht wann, wo und wie stark. Umso wichtiger:
- Kennen Sie die Brandschutzvorgaben aus Baurecht, Versicherung und Arbeitsschutz.
- Gleichen Sie Soll und Ist ab.
- Stufen Sie Verstösse ein – was ist sofort abzustellen, was innerhalb von vier Wochen, was kann längerfristig toleriert werden.
- Führen Sie konsequente Begehungen und Kontrollen durch.
Keine Toleranz gegenüber gefährlichen Situationen. Denn wer die Verantwortung für ein Gebäude trägt, trägt sie auch für die Menschen darin.
Autor
Wolfgang J. Friedl ist europaweit tätiger Ingenieur für Sicherheitstechnik mit Schwerpunkt Brandschutz.
> dr-friedl-sicherheitstechnik.de
