Leckagen sicher im Griff

Was jeder aus der eigenen Küche kennt, passiert auch im Betrieb. Eine Verpackung ist ­beschädigt oder ein Gefäss kippt um und feste oder flüssige Substanzen treten aus. Doch während zu Hause ein schnelles Aufwischen meist genügt, bergen solche ­Vorfälle am Arbeitsplatz erhebliche Risiken: Verätzungen und Vergiftungen, Brände und ­sogar Explosionen.

Bild: mit KI generiert

 

Laufen Flüssig­keiten aus, muss schnell gehandelt werden (Bild: mit KI generiert)Betriebe, in denen mit Chemikalien gearbeitet wird oder in denen gefährliche Stoffe transportiert werden, sollten auf Leckagen und unerwünschte Verschmutzungen vorbereitet sein. Neben einer geeigneten Notfallausrüstung ist es entscheidend, besonnen vorzugehen. Panik ist bei einem solchen Unfall genauso wenig hilfreich wie der Versuch, das Missgeschick zu vertuschen.

Vorgehen in 6 Schritten

Die folgenden Schritte sollen ein strukturiertes Vorgehen unterstützen. Je nach Situation und freigesetzter Substanz sind die Prioritäten anders zu setzen. Ob man als Erstes die Leckage stoppt, einen Atemschutz anlegt oder die Feuerwehr alarmiert, hängt vom Einzelfall ab. Stets ist dabei der Eigenschutz zu beachten. Bei akuter Gefahr – etwa durch giftige Dämpfe oder explosionsfähige Atmosphären – ist sofort der Rückzug anzutreten.

1. Sofortmassnahmen

Risiken einschätzen (Stoff, Gefährlichkeit, ausgetretene Menge) und ggf. Kollegen alarmieren; Notruf absetzen; Werksfeuerwehr benachrichtigen; Schutzausrüstung anlegen

2. Leckage stoppen

Quelle der Leckage suchen und das weitere Austreten von Flüssigkeiten beenden; Ausbreiten auf wasserdurchlässige Untergründe verhindern durch Ölsperren, Aufsaugschlangen als Flüssigkeitssperren o. ä.

«Ein Chemikalienunfall endet nicht mit der ­Reinigung. Wer die ­Ursache nicht sucht, erlebt das nächste Missgeschick garantiert.»

3. Gefahrenbereich absperren

Den Zugang zum kontaminierten Bereich verhindern, um ein weiteres Verbreiten über Schuhsohlen oder Fahrzeugreifen zu vermeiden.

4. Stoff identifizieren

Ist die Substanz unbekannt, die Verpackung, Kennzeichnung, Etikett, Sicherheitsdatenblatt usw. zurate ziehen und anhand der Warnhinweise, Gefahrenklassen, H- und P-Sätze usw. ggf. weitere Schutzmassnahmen veranlassen (Giftnotruf, Atemschutz, geeignete Chemikalienschutzkleidung o. ä.)

5. Entsorgen und Reinigen

Feststoffe möglichst staubarm aufnehmen; Flüssigkeiten mit Bindemitteln aufsaugen, bei Dämpfen oder Gasen für gute Belüftung sorgen (Fenster öffnen, Absaugung). Unfallort ggf. auf Rückstände prüfen, um sicherzugehen, dass ein Dekontaminieren erfolgreich war; sämtliche Materialien und Reststoffe fachgerecht entsorgen.

Wertvoller Helfer: Bindemittel

Für das Aufnehmen von Flüssigkeiten sind Bindemittel oft die beste Wahl. Ob in textiler Form ausgelegt oder als Granulat ausgestreut – Bindemittel saugen unerwünschte flüssige Substanzen schnell auf und ermöglichen somit eine Reinigung und sichere Entsorgung. Die Produktpalette ist breit, es gibt Öl-, Chemikalien- und Universalbindemittel, als Matten, Rollen, Kissen oder in Schlangenform. Wichtige Kriterien sind die Aufnahmefähigkeit (Absorption), die Saugkraft, die Beständigkeit und nicht zuletzt die Entsorgungskosten.

Warnhinweis: Ist eine ausgetretene Substanz unbekannt, sollte man zum Reinigen kein Wasser einsetzen, denn dies kann – z. B. bei Alkalimetallen, Metallhydriden oder starken Säuren – heftige Reaktionen auslösen. Auch die Reinigungsmittel müssen geeignet sein, sonst kann das Putzen neue Gefahren auslösen. Treffen z. B. saure Mittel auf chlorhaltige Substanzen, entsteht hochgiftiges Chlorgas, das schon in geringer Konzentration die Atemwege verätzt. Eine fachkundige Bewertung, geeignete Schutzmassnahmen und qualifiziertes Personal sind jetzt gefragt. Auf keinen Fall darf das Besei­tigen von Verschmutzungen nach einer Leckage einfach an ungeschulte Reinigungskräfte delegiert werden.

6. Nachbereitung

Den Unfall dokumentieren und relevante Akteure informieren (Vorgesetzte, Geschäftsführung, ggf. Behörden). Ursachensuche starten: Transportschaden? Technische Defekte? Ungeeignete Lagerbedingungen? Falsche Beladung eines FFZ? Mangelhafte Sicherung des Ladeguts? Unverschlossenes Gefäss? Behälter ungeeignet? Dichtung, Verschluss, Zapfhahn usw. defekt oder beschädigt?

Auch die Bewältigung des Vorfalls sollte in der Nachschau kritisch überprüft werden: Waren die Bindemittel geeignet, haben die Betroffenen angemessen reagiert? Je nach Erkenntnis gilt es, die Notfallplanung nachzubessern, Notfallausrüstung zu optimieren und Verhaltensregeln gezielt anzupassen. In Schulungen kann eine Leckage mit harmlosen Substanzen simuliert und das sichere Vorgehen eingeübt werden.

Autor

Friedhelm Kring ist freier Journalist und spezialisiert auf Arbeitssicherheit.

kring.de

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