Nachhaltigkeit bei Workwear und Schutzausrüstung

Unser Modekonsum hat eine dunkle Kehrseite. Fast Fashion ist zum ­Synonym geworden für einen rücksichtslosen Umgang nicht nur mit der Umwelt, sondern auch mit den Arbeits- und Menschenrechten in den ­frühen Stationen der Lieferketten. Ansätze für eine nachhaltigere ­Produktion erreichen verstärkt auch die Workwear-Branche.

Langlebige und ­reparaturfähige Arbeitskleidung ist ein Schritt auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit. (CWS Workwear International GmbH)

 

Dieser Beitrag stammt aus unserer aktuellen Ausgabe von save. Ein Exemplar können Sie hier bestellen.

 

Schweizweit werden jedes Jahr mehr als 100 000 Tonnen Kleidung weggeworfen. Doch wer sich über Billigpreise für T-Shirts oder Jeans freut, sollte sich bewusst machen, dass für diese Kleidungsstücke von der Rohstoffgewinnung bis zur Produktion Tausende Liter Wasser verschmutzt werden. Zudem führt die Nachfrage nach immer günstigeren Textilien zu extremem Kostendruck und fördert damit Kinderarbeit und soziale Missstände.

Ein Umdenken hat begonnen

Spätestens mit dem Einsturz der Rana-Plaza-Textilfabrik im April 2013 sind die Arbeitsbedingungen in der Textilbranche weltweit ins öffentliche Bewusstsein geraten. Viele bekannte Marken hatten in dieser Fabrik in Bangladesch fertigen lassen. Trotz erkennbarer Baumängel in dem teilweise illegal errichteten Fabrikgebäude waren die Textilarbeiterinnen angewiesen worden, weiter dort zu arbeiten. Diese Katastrophe mit 1135 Toten und 2438 Verletzten und weitere Vorkommnisse gaben der Textilbranche den Anstoss, sich intensiver ihrer sozialen und ökologischen Verantwortung zu stellen.

«Vorschnelle Schlüsse wie ‹Naturstoff gut, Chemie­faser schlecht› greifen zu kurz – entscheidend ist die Öko­bilanz über den gesamten Produkt­lebenszyklus.»

Seither sind viele Initiativen rund um eine nachhaltigere Textilproduktion entstanden und der Wunsch nach Transparenz in der Wertschöpfungskette ist gewachsen. Inzwischen wird auch Arbeits-, Berufs- und Schutzkleidung verstärkt mit «nachhaltig» beworben. Doch was genau bedeutet Nachhaltigkeit bei Textilien?

Ökologische Nachhaltigkeitskriterien …

Textile Produkte können die Umwelt auf vielfältige Weise belasten. Beim Anbau von Fasern werden Pestizide und Kunstdünger eingesetzt. Das Herstellen der Stoffe benötigt oft grosse Mengen an Wasser und Energie, die meist aus fossilen Energieträgern stammt. Die anfallenden Abwässer gelangen teils unbehandelt in die Umwelt, die ökologischen Kosten werden somit ausgelagert und treffen die lokale Bevölkerung. Bestrebungen für eine umweltfreundlichere Textilproduktion setzen an mehreren Hebeln an:

  • Rohstoffe & Materialien: umweltfreundliche Materialien; recycelte oder biobasierte Rohstoffe; Verzicht auf schädliche Chemikalien wie PFAS, PVC oder halogenierte Flammschutzmittel
  • Design & Nutzungsdauer: hohe Reparierbarkeit; langlebige und somit ressourcenschonendere Stoffe; austauschbare Komponenten (z. B. Gurte, Polster); Wasch- und Wiederverwendbarkeit statt Einwegprodukten
  • Pflege & Nutzung: PSA, die wenig Wasser, Energie oder Chemie bei der Reinigung benötigt; klare Pflegehinweise, die die Lebensdauer verlängern
  • Herstellung & Lieferkette: energieeffiziente Produktion unter Nutzung erneuerbarer Energien; kurze Transportwege; regionale Produktion
  • Kreislaufwirtschaft & Transparenz: Rücknahmeprogramme der Hersteller; Recyclingfähigkeit der Materialien am Ende ihrer Nutzungsdauer; transparente Angaben zu Lebensdauer und Entsorgung

… plus soziale Nachhaltigkeit

Als zweite grosse Säule der Nachhaltigkeit gelten soziale Aspekte. Hier stehen die Beschäftigten der Textilbranche und ihre Arbeitsbedingungen im Mittelpunkt, konkret geht es dabei um:

  • faire Arbeitsbedingungen, ohne Zwangs­arbeit
  • den Schutz von Kindern, keine Kinderarbeit
  • soziale Gerechtigkeit und Teilhabe
  • faire Preise und faire Handelsbedingungen
  • Gesundheit, Arbeitssicherheit und Brandschutz in den Arbeitsstätten
  • Chancengleichheit und Bildung
  • demokratische Strukturen, z. B. über Kooperativen der Produzenten

 

Diese beiden zentralen Aspekte der ökologischen Nachhaltigkeit und der sozialen Nachhaltigkeit werden häufig ergänzt um die ökonomische Nachhaltigkeit, d. h. verantwortungsvolles Wirtschaften, um ein stabiles Fundament für dauerhaftes Wachstum zu legen.

Komplexe Bewertungen

Wichtig zum Verständnis ist, dass der Nachhaltigkeitsansatz niemals eine Momentaufnahme darstellt oder auf einer einzigen Produkteigenschaft beruht. Vorschnelle Schlüsse à la «Naturstoff gut, Chemiefaser schlecht» sind wenig zielführend. Es ist stets die Ökobilanz über einen kompletten Produktlebenszyklus zu betrachten, in der Fachliteratur auch als LCA (Life Cycle Assessment) bezeichnet.

Das Beispiel Baumwolle zeigt, wie ein Schubladendenken zu falschen Schlüssen führt. Aus guten Gründen gilt ein Produkt aus nachwachsenden Rohstoffen als umweltfreundlicher im Vergleich zu einem Produkt, das zur Herstellung synthetische Stoffe fossiler (und damit begrenzter) Herkunft benötigt. Doch dies bedeutet nicht automatisch, dass eine Naturfaser stets die bessere Wahl ist im Vergleich zu einer Kunstfaser. Drastisch deutlich wird dies an der Baumwolle. Da ihr Anbau gewaltige Mengen an Wasser benötigt, sind die ökologischen Folgeschäden enorm und haben z. B. den einst gewaltigen Aralsee beinahe austrocknen lassen. Eine Chemiefaser aus Rohöl herzustellen, benötigt Energie und erzeugt Treibhausgase. Doch wenn das aus Kunstfasern hergestellte Produkt später schneller trocknet, keinem Bügeln bedarf und bis zum Verschleiss nicht nur deutlich häufiger, sondern auch bei geringeren Temperaturen gewaschen werden kann, müssen diese Aspekte gegen den Umweltvorteil einer Naturfaser abgewogen werden.

Gesamten Lebenszyklus betrachten

Erst eine systematische Analyse aller potenziellen Umweltwirkungen und Energiebilanzen eines Produkts während seines gesamten Lebensweges von der Rohfasergewinnung über die Herstellung, den Transport und die Nutzung bis zur Entsorgung ergibt eine belastbare Einschätzung seiner Nachhaltigkeit. Konsequent bei Nachhaltigkeitsbetrachtungen sämtliche Lebenszyklusphasen eines Produkts zu erfassen, hat sich angesichts globaler und verzweigter Produktionsketten jedoch als kompliziert herausgestellt. Das Hin und Her um das inzwischen abgeschwächte Lieferkettengesetz der EU oder die Diskussionen zum Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz in Deutschland zeigen die Brisanz.

Im anzustrebenden optimalen Fall wird das Produktleben zu einem geschlossenen Kreis, in dem aussortierte Produkte so entsorgt werden, dass sie zum Ausgangsstoff neuer Produkte werden (Recycling, Upcycling). Der sogenannte Cradle-to-Cradle-Ansatz (auf Deutsch «von der Wiege zur Wiege») setzt auf eine konsequente Kreislaufwirtschaft – ohne Abfall und ohne Schadstoffe. Produkte sollen so gestaltet und hergestellt werden, dass sie nach Gebrauchsende vollständig als wertvolle Nährstoffe in biologische (Kompost) oder technische Kreisläufe (Recycling) zurückgeführt werden können.

Siegel, Label, Zertifikate

Für Produkte, die auf dem europäischen Markt vertrieben werden, gibt es rund 230 Nachhaltigkeitslabels. Darunter sind einige Dutzend, die sich auf Stoffe, Textilien und Schuhe beziehen. Die Vielfalt an Kennzeichnungen zu Nachhaltigkeit ist für den Konsumenten oder Beschaffer schier unüberschaubar. Insider sprechen von einem «Siegelwildwuchs» oder «Siegeldschungel». Einige Embleme kennzeichnen eher ökologische Aspekte wie CO2‑Reduktion oder Kreislauffähigkeit, andere Embleme fokussieren auf soziale Anforderungen. Ein Universal-Siegel, dass alle für Nachhaltigkeit relevanten Kriterien abdeckt, ist nicht in Sicht.

Die gute Nachricht: Für die auf dem Schweizer Markt zu findenden Label, Siegel und Produktkennzeichen bietet das Online-Portal labelinfo.ch eine Orientierung. Die Datenbank dahinter wurde mit Unterstützung des BAFU entwickelt. In der Kategorie Textilien werden (Stand Januar 2026) 18 Embleme gezeigt und grob hinsichtlich der Faktoren Glaubwürdigkeit, Umweltfreundlichkeit, Sozialverträglichkeit und (soweit anwendbar) Tierwohl bewertet. Unterm Strich schwanken die Einschätzungen der Experten zwischen «Ausgezeichnet» und «Bedingt empfehlenswert».

Keine PSA aus zweiter Hand

Wer Spass am Stöbern hat, findet in Secondhand-Läden, Brockenstuben und auf Flohmärkten allerlei interessante und kostengünstige Kleidungsstücke. Nachhaltig ist dies allemal. Für Schutzausrüstung ist eine solche Mehrfachnutzung jedoch keine gute Idee, hier ist extreme Vorsicht geboten, denn

  • die bisherigen Belastungen und Einwirkungen sind nicht bekannt, Schutzfunktionen können beeinträchtigt sein kann
  • Schäden oder Kontaminationen können unsichtbar sein
  • Materialien altern und können unbemerkt verschleissen
  • Helme, Auffanggurte oder Atemschutzmasken haben eine begrenzte Lebensdauer
  • Herstellerinformationen können fehlen

Bei vermeintlichen Schnäppchen – etwa dem Abverkauf von Restbeständen – sollte man darauf achten, dass die Ware unbenutzt und original verpackt ist.

Schutzfunktionen haben oberste Priorität

Bei Bestrebungen für mehr Nachhaltigkeit bei Arbeitskleidung oder Schutzausrüstung kommt der Aspekt hinzu, dass dies niemals zulasten der Sicherheit gehen darf. Hier stehen sich leider manchmal unterschiedliche Anforderungen gegenüber.

Ein Beispiel: PSA soll laut PSA-Verordnung der EU unbeschadet ihrer Festigkeit und Wirksamkeit «so leicht wie möglich» sein. Bekannt für ihre extreme Leichtigkeit sind Composite-Fasern (Faserverbundwerkstoffe). Eine Mischung aus diversen Faserarten kann einen Top-Schutz bei geringstem Gewicht bieten, doch das Produkt ist damit meist nicht mehr kreislauffähig. Denn es ist eine Herausforderung, Verbundwerkstoffe in geschlossenen Stoffkreisläufe zu führen.

Neben der Entscheidung für langlebige und reparaturfähige PSA und Arbeitskleidung kann nachhaltig auch bedeuten, alternative Beschaffungsmodelle zu prüfen. Viele Produkte lassen sich mieten statt sie kaufen zu müssen. Textildienstleister bieten individuelle Lösungen für die meisten Branchen.

Innovative Ansätze

Trotz technischer und regulatorischer Hürden zeichnen sich in der Textilbranche immer mehr vielversprechende Entwicklungen pro Nachhaltigkeit ab, auch für die Bekleidung am Arbeitsplatz. Mehrere Hersteller bieten bereits Arbeitskleidung aus recycelten PET-Flaschen an. Weitere Beispiele zeigen das Spektrum der innovativen Ansätze:

Bikinis aus recyceltem Plastik: Ein Zürcher Unternehmen produziert seit 2020 nachhaltige Bademode und Winterjacken aus recyceltem PET-Plastik, das zuvor aus der Limmat gefischt wurde. Die gesamte Produktionskette vom Plastikabfall bis zum Textilprodukt befindet sich in der Schweiz.

Neues Garn aus Föhrennadeln: Im November 2025 ist an der Hochschule Zwickau das Projekte ConFiTex gestartet. Die Nachwuchsforscher wollen aus bislang ungenutzten Fasermaterialien – den Nadeln einheimischer Kiefern (Föhren) – ein kompostierbares Garn gemäss ÖkoTex®-Standard herstellen.

T-Shirt aus biobasiertem Polyethylen: Im Projekt «bioPEtex» wurden 2025 erstmals Sporttextilien aus eigens entwickelten Garnen hergestellt. Das erste T-Shirt aus biobasiertem Polyethylen soll durch einen kühlenden und weichen Griff überzeugen.

Komplett kompostierbare Workwear Kollektion: Ein grosser Workwear-Anbieter hat 2023 eine komplett kompostierbare Kollektion vorgestellt. Jedes Stück Stoff, jedes Garn und jeder Knopf ist inklusive Verpackung nach dem Cradle-to-Cradle-Ansatz zertifiziert.

Autor

Friedhelm Kring

Freier Journalist, spezialisiert auf Arbeitssicherheit

> kring.de

 

 

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