Oben ohne – weil es geht, geht es

​Soziale Normen setzen sich durch, wo Vorschriften scheitern. Was eine Begegnung auf einer Schweizer Baustelle über Gruppendynamik, Berufsidentität und die Grenzen von Unterweisungen verrät.

Wer die Helmpflicht auf einer Baustelle ignoriert, nimmt hohe Risiken in Kauf. © welcomia

Der Kontrolleur, den ich begleite, unterbricht die Arbeit freundlich, aber bestimmt. Der Mann, der von der Leiter steigt, hat gerade eine Leitung an der Decke eines künftigen Einkaufszentrums montiert. Er trägt weder Sicherheitsschuhe noch Gehörschutz oder eine Schutzbrille, die Kabel zu seinen Geräten liegen quer über den Zuwegen, um nur ein paar Dinge zu nennen, die sofort auffallen.

Händeschütteln, freundliche Begrüssung. Mein Begleiter weist sich als Kontrolleur aus, der Mann reagiert erleichtert, und dann kommt der Satz, der mich seitdem beschäftigt: «Ich weiss, ich weiss. Aber ich bin ja der Chef, Sie kontrollieren schliesslich meine Mitarbeitenden, und bei meinen Leuten schaue ich genau hin. Die drei da drüben, die tragen alles. Ich bin der Chef, um mich geht es nicht.»

Kurz darauf im Gespräch wird deutlich: Er hat seine Mitarbeitenden angewiesen, PSA zu tragen – nicht damit ihnen nichts passiert, sondern damit bei einer Kontrolle kein Bussgeld anfällt. Er selbst sieht sich ausserhalb dieser Logik.

Was in dieser Szene überrascht, ist trotzdem etwas Grundsätzliches: PSA wird hier als Schutz vor Konsequenzen getragen. Vielleicht ein seltener Grund, aber doch auch bestimmt kein Einzelfall.

Also stellen wir nochmals die Frage: Warum trägt jemand keine PSA? Die reflexartige Antwort lautet oft: Bequemlichkeit. Nachlässigkeit. Zu wenig Bewusstsein. Diese Erklärungen sind nicht falsch, aber sie sind – sind wir mal ehrlich – seit Jahrzehnten auserzählt. Was tatsächlich oft dahintersteckt, ist vielschichtiger und meist psychologisch deutlich interessanter.

Die Gruppe bestimmt Verhalten effizienter als jede Vorschrift

Das Einhalten sozialer Normen (Compliance) ist kein Phänomen von Einzelpersonen. Ob eine Norm eingehalten wird oder scheitert, wird durch unsere sozialen Beziehungen bestimmt. Wer morgens auf eine Baustelle kommt und sieht, dass der Chef «oben ohne» unterwegs ist und auch der Vorarbeiter keinen Helm trägt, braucht schon einen starken Selbstschutz, um ihn trotzdem aufzusetzen.

Soziale Normen regulieren Verhalten effizienter als Vorschriften, weil sie keine externe Durchsetzung brauchen. Wer gegen sie verstösst, riskiert keine Busse, sondern Befremden, vielleicht sogar Ausgrenzung. Diese ‹sozialen Kosten› sind für die meisten deutlicher spürbar als abstrakte Unfallrisiken.

Das bedeutet: Unterweisungen, die an Einzelpersonen adressiert sind und auf individuelles Fehlverhalten zielen, greifen hier nicht. Nicht weil die Inhalte falsch wären, sondern weil sie am eigentlichen Steuerungsmechanismus vorbeigehen. Wer Compliance will, muss alle in der Gruppe erreichen – und innerhalb der Gruppe vor allem die, deren Verhalten als Vorbild und als Mass gilt.

Reaktanz: Warum Regeln manchmal das Gegenteil bewirken

Es gibt einen psychologischen Effekt, der in Debatten um Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz selten vorkommt, obwohl er im Alltag ständig zu beobachten ist: Reaktanz. Wenn Menschen das Gefühl haben, ihre Handlungsfreiheit würde eingeschränkt oder sie würden bevormundet, reagieren sie mit Widerstand – manchmal genau in die entgegengesetzte Richtung der gewünschten Verhaltensänderung.

Bei erfahrenen Fachkräften, die zwanzig Jahre lang dieselbe Tätigkeit ausgeübt haben, kann eine neue Vorschrift, ein Kontrollrundgang oder eine zu direkte Anweisung genau diesen Effekt auslösen. «Ich weiss selbst, was ich tue», ist in dem Fall keine Ausrede, sondern die Betonung einer professionellen beruflichen Identität.

Und nur so lässt sich auch erklären, warum manchmal Schutzmassnahmen wie eine Tragepflicht von Anstosskappen von Vertreter*innen der Mitbestimmung als Schikane für die Mitarbeitenden abgelehnt werden.

Tipp: Vorschriften, die Kompetenz voraussetzen und Eigenverantwortung ansprechen, erzeugen weniger Gegendruck als solche, die Kontrolle und Misstrauen signalisieren.

«Profis brauchen das nicht»

PSA kann auch Folgendes signalisieren: Ich bin vielleicht neu hier, ich kenne die Risiken nicht, ich traue mir selbst nicht. In Berufsgruppen mit starker beruflicher Identität ist das Tragen von Schutzausrüstung manchmal mit einer impliziten Botschaft verknüpft: Dass man sie braucht, zeigt, dass man sie braucht.

Diese Lesart ist nicht irrational, sondern wieder einmal zurückzuführen auf das bereits beschriebene Gestalten von sozialen Normen in Gruppen, die bestimmen, ob jemand Teil des Teams ist oder eben nicht.

«Es gibt eigentlich nur einen Grund, warum PSA nicht getragen wird: Weil es möglich ist.»

Interessant ist auch die Umkehrung: In manchen Kulturen ist das konsequente Tragen von PSA ein Qualitätsmerkmal und ein Zeichen von Professionalität. «Wir arbeiten sicher» kann auch das bedeuten. Und wer keine trägt, der ist dann eben «draussen» und nicht Teil des Teams. Ganz wesentlich prägen und gestalten die Führungskräfte diese sozialen Normen, gemeinsam mit den Team-Mitgliedern, auf die geschaut wird.

Tipp: Statt sich an den PSA-Verweigerern in mühevoller Diplomatie abzuarbeiten, ist Energie besser investiert, wo sie in eine gute Zusammenarbeit zwischen Führungskraft und den Vorbildern im Team fliesst. Vorteil: Die Mitarbeitenden, die dann folgen, folgen aus eigenem Antrieb und nicht wegen einer Vorschrift.

Gute Führung entscheidet ­darüber, ob alle Mitarbeitenden sich an die Helmpflicht halten. © depositphotos/lisica66

Safety Fatigue: Wenn zu viele Signale nichts mehr sagen

Es gibt einen Zustand, den Forschende als ‹Safety Fatigue› beschreiben und der in der Praxis an vielen Orten beobachtbar ist: Menschen schalten ab. Sie tun das nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil die Menge der Hinweise, Vorschriften, Aushänge, Unterweisungen und Erinnerungen ein Mass erreicht hat, bei dem das Gehirn aufhört, sie einzeln zu verarbeiten.

Wer täglich an zig Warnschildern vorbeiläuft, sieht sie irgendwann nicht mehr. Denn: Das Gehirn filtert Wiederholungen heraus, um Kapazität für Neues freizuhalten. In Umgebungen mit hoher Regelungsdichte tritt oft genau das ein: Die Beschäftigten priorisieren selbst, nach eigenen Kriterien, und was als selbstverständlich gilt, fällt oft zuerst weg.

Safety Fatigue ist eine direkte Folge von oft gut gemeinter Übersteuerung und entsteht als sogenannte «unintended consequence». Mehr Schilder und Warntafeln lösen das Problem eben nicht. Hilfreich sind auch überraschende Formate, die Aufmerksamkeit erzeugen, und vor allem: Kommunikation, die nicht nur informiert, sondern ein Mitdenken bzw. Selberdenken auslöst.

Der blinde Fleck in der Führung

Zurück zur Baustelle. Was der Mann von der Leiter beschreibt, klingt nach einer pragmatischen Lösung – und das ist es auch in seiner eigenen Logik. Er hat das System verstanden: Kontrollen gelten vor allem den Beschäftigten, und wenn PSA nicht getragen wird, drohen nach Durchführungsverfahren Bestätigung, Ermahnungen und sogar Prämienerhöhung. Also ermahnt er die Kollegen, die PSA zu tragen, denn damit verhindert er Ärger. Fertig. Man könnte jetzt sagen: Ist doch egal, aus welchem Grund PSA getragen wird, Hauptsache sie ist da. Fehlen in solchen Situationen aber die äusseren Faktoren (z.B. weil nachts nicht mit Kontrollen gerechnet wird), dann liegt die PSA schnell doch wieder irgendwo anders.

Zur speziellen Situation in Klein- und Kleinstbetrieben gibt es wiederum Befunde aus der Forschung: Gerade in kleinen Unternehmen, wenn Inhaber einfach im Team mitarbeiten, geht das Bewusstsein dafür, dass das eigene Verhalten das soziale Miteinander aller prägt, oft verloren. Wenn der Chef «oben ohne» arbeitet, weil es kurz geht, dann geht es auch für alle anderen. Es ist eine öffentliche Aussage darüber, was in diesem Betrieb als normal gilt. Und das passiert nicht absichtlich, sondern es passiert, weil die Führungsrolle als kultureller Verstärker im Alltag auf Augenhöhe untergeht.

Führung in Klein- und Kleinstbetrieben ist deswegen oft herausfordernder als Führung in Grossunternehmen mit geregelten Hierarchien und einer grossen Arbeitssicherheitsabteilung. In der Tischlerei oder dem Coiffeur-Salon haben der Chef oder die Chefin im übertragenen Sinn viele Hüte auf. Es braucht dort mehr Rollenbewusstsein, Reflexion und die Fähigkeit, das eigene Verhalten als Kommunikation zu lesen – und zu fragen: Was sage ich gerade mit meinem Verhalten über Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz, ohne ein Wort zu sagen?

Woran liegt’s also?

Es gibt eigentlich nur einen Grund, warum PSA nicht getragen wird: weil es möglich ist. Was dann eine Ebene unter dieser «Ermöglichung» liegt, und in wie vielen Facetten es wieder verunmöglicht werden kann, macht unsere Arbeit in der Prävention ja gerade so spannend.

Die Zukunft liegt vielleicht auch in KI-gestützten Zugangs- bzw. Kontrollsystemen, die die PSA an der Person als unvollständig erkennen und dann den Zutritt zu bestimmten Arbeitsbereichen verhindern können. Das ist in grossen Betrieben oder auf asiatischen Baustellen heute schon Stand der Technik. Unser Coiffeur am Eck wird sich allerdings vermutlich kaum ein Kamerasystem am Waschbecken installieren, das den Wasserhahn sperrt, solange er noch keine Handschuhe trägt. Oder?

Unser Mann auf der Leiter täte sicher gut daran, sein Weltbild in Sachen Arbeitssicherheit und seine Rolle darin zu überdenken und seine Einflussmöglichkeiten bewusster wahrzunehmen. Der Kontrolleur, den ich begleitet habe, hat in dem Gespräch dafür ein Saatkorn gelegt. Was ich wieder einmal gelernt habe: Bei allem Hype um Technik und Fortschritt, es sind vor allem immer noch Menschen, die Menschen beeinflussen.

Was hilft bei KMU

Wer Führungskräfte in kleinen Betrieben begleitet, trifft häufig auf Menschen, die alles gleichzeitig sind: Fachkraft, Vorgesetzte*r, Kolleg*in…

Rollenwechsel benennen Viele mitarbeitende Inhaber*innen sind sich nicht bewusst, dass ihr Verhalten auf der Fläche anders wahrgenommen wird als das der Teammitglieder. Ein kurzes Gespräch, das genau das anspricht – die Bedeutung der impliziten Regelsetzung durch die Vorgesetzten – öffnet oft neue Perspektiven und ein neues Rollenbewusstsein.

Kompetenz ansprechen Erfahrene Fachkräfte reagieren auf Eigenverantwortung. «Sie wissen, was auf dem Spiel steht» wirkt anders als «Laut Vorschrift müssen Sie…».

Vorbilder im Team einbeziehen In kleinen Teams gibt es immer Personen, auf die geschaut wird. Identifizieren Sie gemeinsam mit den Vorgesetzten vor Ort eine Gruppe der ‚Influencer’. Wenn diese erreicht werden, folgen die anderen.

Sicherheitsgespräche situativ führen Wenn Vorgesetzte direkt am Arbeitsplatz, am besten mit mehreren Personen, kurz und konkret Sicherheitsgespräche direkt vor Arbeitsaufnahme führen, ist das wirksamer als stundenlange Instruktion auf Vorrat.

 

Autorin

Dr. Renate Mayer

Autorin, Trainerin und Beraterin im Bereich Arbeitssicherheit und Kommunikation. Zusammen mit ihrem Kompagnon firmiert sie unter dem Label ZEBRA-FACTOR. Im Mai 2026 ist ZEBRA-FACTOR mit einem Stand an der Arbeitssicherheit Schweiz in Zürich vertreten. Im Sommer 2026 erscheint ihr neues Buch «Kommunikation im Arbeitsschutz»

> zebra-factor.com

(Visited 470 times, 8 visits today)

Weitere Beiträge zum Thema

SICHERHEITSNEWS

Bleiben Sie informiert über aktuelle Sicherheitsthemen – praxisnah und zuverlässig. Erhalten Sie exklusive Inhalte direkt in Ihren Posteingang. Verpassen Sie keine Updates.

Jetzt anmelden!
anmelden
Sie können sich jederzeit abmelden!
close-link