Schutzkleidung für Elektroberufe

Als eine der gefährlichsten elektrischen Einwirkungen im Arbeitsumfeld gilt der Störlichtbogen. Mit Temperaturen von mehr als 10000 °C ist er bei Angehörigen von Elektroberufen zu Recht gefürchtet. Neben technischen und organisatorischen Schutzmassnahmen kommt eine spezielle Elektriker-Arbeitskleidung zum Einsatz.

Jacke und Hose allein reichen nicht, denn besonders Gesicht und Hände sind gefährdet.© Dehn

Ein Lichtbogen entsteht, wenn zwischen zwei elektrischen Leitern unterschiedlichen Potenzials eine ausreichend hohe Spannung und Stromdichte vorhanden ist. Das dazwischen befindliche gasförmige Medium wird ionisiert, es bildet sich ein Plasma und die elektrische Gasentladung – ein explosionsartiger Stromfluss durch die Luft – wird als Lichtbogen sichtbar.

Störlichtbogenschutz als ­Multifunktionskleidung

Kommt es zu diesem physikalischen Phänomen aufgrund eines Kurzschlusses oder der Fehlhandlung eines Menschen, spricht man vom Störlichtbogen. Trifft dieser auf ungeschützte Personen, drohen schwere Verbrennungen, Augenschäden durch Verblitzen und weitere Verletzungen durch die Druckwelle oder z. B. umherschiessende Metallteile. Die konkreten Ursachen für das Auftreten eines Störlichtbogens können ganz verschieden sein – das reicht von Montagemängeln, schadhaften Isolationen bzw. Verbiss durch Ratten bis zum in einer Schaltanlage vergessenen Werkzeug.

«Auch die hoch­wertigste PSA darf niemals zum ­Vorwand dienen, Sicherheitsvor­schriften zu ­ersetzen.»

Die Gefahr eines Störlichtbogens lässt sich bei Arbeiten an oder in der Nähe von unter Spannung stehenden Teilen elektrischer Anlagen daher kaum ganz ausschalten. Das gilt nicht nur für Hochspannungsanlagen, sondern auch für Hausanschlusskästen oder Kabelverteilerschränke usw. Trotz technischer Schutzeinrichtungen ist für elektrotechnisches Personal in vielen Fällen eine geeignete Persönliche Schutzausrüstung unverzichtbar.

Störlichtbogen-Schutzkleidung wird häufig als Multifunktionskleidung angeboten, in Form von Jacken, Hosen oder Latzhosen, aber auch als Overall. Diese Multinorm-Schutzkleidung hat die Aufgabe, ihren Träger vor den Risiken durch Lichtbögen sowie deren Folgen wie Flammen, Hitze und Spritzer flüssigen Metalls abzumildern und ein Weiterbrennen der Kleidung zu verhindern.

Zwei Störlichtbogenschutzklassen

Die Anforderungen an PSA gegen die thermischen Auswirkungen eines Störlichtbogens (PSAgS) sind in der internationalen Norm EN 61482-2 geregelt, ebenso die beiden zugrundeliegenden Prüfverfahren. Jede PSAgS muss baumustergeprüft sein und über eine Konformitätserklärung verfügen. Unterschieden werden die beiden Störlichtbogenschutzklassen 1 und 2, auch als APC 1 und APC 2 bekannt (für «Arc Protection Class»). Diese PSAgS ist nicht zu verwechseln mit elektrisch isolierender PSA (gemäss EN 50286) zum Schutz vor Körperdurchströmung.

Bewertung im Einzelfall

Entscheidend ist jeweils vor Ort, dass die zu erwartende Lichtbogenenergie durch die Wahl der Schutzkleidung sicher abgedeckt wird. Die Gefahrenermittlung mit Risikobeurteilung kann z. B. ergeben, dass bei Arbeiten an einer Anlage, die über ein wirkungsvolles technisches Störlichtbogenschutzsystem verfügt, eine PSAgS der Schutzstufe 1 ausreicht. Die Risiken müssen im Einzelfall ermittelt und ggf. muss zwischen Schutzwirkung und Tragekomfort abgewogen werden. Den Zusammenhang zwischen Kurzschlussstrom, Lichtbogenschutzklassen und Schutzstufen, findet man in der Weisung 407 des Eidgenössischen Starkstrominspektorats (ESTI) erläutert, ebenso Hinweise, wann welche PSA zu verwenden ist.

Für einen vollständigen Schutz gefährdeter Personen reicht Störlichtbogenschutzkleidung in Form von Jacke und Hose nicht aus. Insbesondere Gesicht und Hände sind gefährdet. Schutzhelm mit Visier oder Schutzhaube, lichtbogenfeste Schutzhandschuhe oder Hitzeschutz-Handschuhe sind meist unverzichtbar. Ein Einkleiden nach dem Zwiebelprinzip kann zusätzlich die Schutzwirkung erhöhen, z. B. wenn auch die Unterbekleidung bereits den Kriterien von APC 1 entspricht.

Kein Ersatz für Sicherheitsregeln!

Neben der geeigneten PSA dienen isolierendes Sicherheitswerkzeug und Arbeitsstangen dazu, die Eintrittswahrscheinlichkeit eines Störlichtbogens weiter zu senken. Eines muss jedoch immer klar sein: Auch die hochwertigste PSA und die besten Arbeitsmittel dürfen niemals zum Vorwand dienen, Sicherheitsvorschriften zu ersetzen oder vorgeschriebene Arbeitsabläufe abzukürzen. PSAgS ist wie jede PSA als Ergänzung zu technischen und organisatorischen Schritten zu sehen. Freischalten und das weitere konsequente Vorgehen gemäss den 5 Sicherheitsregeln der Elektrotechnik bleiben auch mit PSAgS unverzichtbar.

Autor

Friedhelm Kring

Freier Journalist, spezialisiert auf Arbeitssicherheit

kring.de

 

(Visited 305 times, 1 visits today)

Weitere Beiträge zum Thema

SICHERHEITSNEWS

Bleiben Sie informiert über aktuelle Sicherheitsthemen – praxisnah und zuverlässig. Erhalten Sie exklusive Inhalte direkt in Ihren Posteingang. Verpassen Sie keine Updates.

Jetzt anmelden!
anmelden
Sie können sich jederzeit abmelden!
close-link