Sicher arbeiten trotz Hitze

Hohe Temperaturen verändern die Anforderungen an Persönliche Schutzausrüstung deutlich. Während Schutzkleidung definierte Sicherheitsfunktionen erfüllt, beeinflussen Materialeigenschaften wie Atmungsaktivität und Wasserdampfdurchlässigkeit massgeblich, wie stark sich Hitzebelastung im Körper aufbaut.

Atmungsaktive Materialien unterstützen die Wärmeabgabe des Körpers und tragen dazu bei, Hitzebelastung unter Persönlicher Schutzausrüstung zu reduzieren.© W.L. Gore & Associates

A n heissen Tagen geraten Hitze und Arbeitsschutz oft in ein Spannungsverhältnis. Bauarbeiter und andere Beschäftigte im Freien stehen dann vor einem Dilemma: Persönliche Schutzausrüstung ist notwendig, um vor Gefahren zu schützen – gleichzeitig kann sie bei hohen Temperaturen als zusätzliche Belastung empfunden werden.

Legen Beschäftigte ihre PSA wegen der Hitze ab, verschafft das zunächst eine gefühlte Entlastung. Gleichzeitig steigt jedoch das Risiko für Unfälle und Verletzungen deutlich – etwa durch fehlenden Schutz vor mechanischen Gefahren, Funkenflug oder intensiver UV-Strahlung. Kurzfristiger Komfort wird so gegen langfristige Sicherheit eingetauscht.

Effektives Hitzemanagement sollte deshalb nicht bedeuten, zwischen Komfort und Sicherheit wählen zu müssen. Entscheidend ist vielmehr Schutzkleidung, die beides verbindet: Schutz und Tragekomfort auch bei hohen Temperaturen. Moderne Materialien und Technologien können dazu beitragen, Bekleidung leichter, atmungsaktiver und ergonomischer zu machen – und damit die Akzeptanz beim Träger zu erhöhen, ohne auf Schutz zu verzichten.

Auswirkungen von Hitzebelastung auf die Leistungsfähigkeit© W.L. Gore & Associates

Bauarbeiten in der Sommerhitze stellen besondere Anforderungen an Schutzkleidung

Die Risiken von Hitze liegen scheinbar auf der Hand, sind in der Praxis jedoch oft weniger leicht zu erkennen, als man vermuten könnte. Denn Hitzebelastung entsteht schleichend: Sie entwickelt sich parallel zur körperlichen Arbeit, ohne sofort wahrgenommen zu werden. Mit zunehmender Arbeitsdauer unter körperlicher Belastung steigt die Körperkerntemperatur und es verändern sich physiologische Prozesse: Menschen werden weniger aufmerksam, reagieren langsamer und sind weniger ausdauernd. Untersuchungen unter körperlicher Belastung zeigen, dass bereits moderate Anstiege der Körperkerntemperatur ausreichen, um die Leistungsfähigkeit messbar zu beeinflussen – lange bevor eine Situation subjektiv als kritisch empfunden wird.

Genau darin liegt die besondere Herausforderung der Hitzebelastung im Körper: Sie verstärkt bestehende Gefahren, ohne selbst klar als Ursache erkennbar zu sein. Schutzkleidung erfüllt zwar definierte Normen und bietet geprüften Schutz vor äusseren Einwirkungen. Wie stark sich jedoch diese schleichende thermische Belastung im Körper entwickelt und wie schnell sie Leistung und Sicherheit beeinflusst, lässt sich über Normen nur indirekt abbilden.

Kleine Abweichung, grosse Wirkung: Hitze und Leistungsfähigkeit

Um zu verstehen, warum schon kleine Veränderungen der Körpertemperatur grosse Auswirkungen haben können, lohnt sich ein Blick darauf, wie der Körper unter Wärmelast reagiert:

Der menschliche Körper kann nur in einem engen Temperaturfenster zuverlässig funktionieren. Bereits geringe Anstiege der Körperkerntemperatur haben messbare Auswirkungen. Schon bei etwa 37,5 °C – also nur rund einem halben Grad über dem Normalwert – beginnt thermisches Unbehagen. Was zunächst lediglich als «warm» empfunden wird, kann sich rasch zu einer spürbaren Belastung entwickeln.

«Zwischen sicherem Arbeiten unddeutlich erhöhtem Risiko liegen unter Hitzebelastung oft weniger als zwei Grad Körperkerntemperatur.»

Mit weiter steigender Körperkerntemperatur nimmt die Leistungsfähigkeit ab. Untersuchungen zur Aufmerksamkeit unter Hitzebelastung bei körperlich anspruchsvollen Arbeitsaufgaben zeigen, dass Konzentration und Reaktionsfähigkeit bereits deutlich nachlassen können, noch bevor gesundheitlich kritische Temperaturbereiche erreicht sind. Arbeitskräfte reagieren langsamer, überhören Signale häufiger und empfinden körperliche Belastung schneller als erschöpfend.

Arbeitsphysiologische Studien zeigen ausserdem, dass Hitzeerschöpfung bereits knapp oberhalb von 38 °C auftreten kann – also deutlich unterhalb lebensbedrohlicher Schwellen. Steigt die Körperkerntemperatur weiter an, verlagert sich der Schwerpunkt zunehmend von der Aufrechterhaltung der Leistungsfähigkeit hin zur Vermeidung akuter Gesundheitsgefahren. Dieser Übergang verläuft fliessend: Zwischen sicherem Arbeiten und einem deutlich erhöhten Risiko liegen oft weniger als zwei Grad Körperkerntemperatur. Gerade diese geringe Differenz macht die Hitzebelastung zu einem besonders kritischen und zugleich schwer erkennbaren Risikofaktor im Arbeitsalltag unter Schutzkleidung.

Warum Schutzkleidung eine ­Schlüsselrolle spielt

In Arbeitssituationen mit hoher körperlicher Belastung und steigender Umgebungstemperatur verändert sich, wie der Körper überschüssige Wärme abgeben kann: Solange die Umgebung kühler ist als der Körper, gibt dieser die Wärme direkt an die Umgebung ab – etwa durch Kontakt mit Oberflächen, durch Luftbewegung oder durch Abstrahlung. Diese Formen der Wärmeabgabe werden als «trockene» Wärmeabgabe bezeichnet.

Mit zunehmender Hitze auf der Baustelle sinkt jedoch die Wirksamkeit dieser Mechanismen. Je mehr die Umgebungstemperatur sich der Körpertemperatur annähert oder diese sogar übersteigt, desto weniger Wärme kann der Körper auf diesem Weg verlieren. In solchen Situationen bleibt ihm im Wesentlichen nur noch ein Mechanismus, um überschüssige Wärme abzuführen: die Verdunstung von Schweiss.

Vom Material zur Körperreaktion

Wie gut diese Verdunstung funktioniert, hängt massgeblich von der Wasserdampfdurchlässigkeit der Bekleidung ab. Der dafür entscheidende Kennwert ist der sogenannte Ret-Wert (Resistance to evaporative heat transfer). Er beschreibt den Widerstand eines Materials gegen die Verdunstung von Schweiss. Ein hoher Ret-Wert behindert diesen Prozess: Schweiss kann schlechter entweichen, die Kühlwirkung nimmt ab, und der Körper speichert zunehmend Wärme.

Dass Materialeigenschaften direkten Einfluss auf die thermische Belastung des Körpers haben, ist arbeitsphysiologisch gut belegt. Entscheidend ist dabei, wie gut Schutzkleidung die Abgabe von Wärme und Feuchtigkeit unterstützt. Arbeitsmedizinische Empfehlungen gehen davon aus, dass die Körperkerntemperatur bei körperlicher Arbeit möglichst nicht um mehr als etwa ein bis zwei Grad Celsius steigen sollte. Wird überschüssige Wärme effektiv abgeführt, kann dieser Anstieg verlangsamt werden – und die Zeit verlängert sich, in der Beschäftigte innerhalb dieser sicheren Grenzwerte arbeiten können.

Eine hohe Atmungsaktivität der Kleidung spielt dabei eine entscheidende Rolle. Sie unterstützt die Wärmeabgabe des Körpers und hilft, einen kritischen Anstieg der Körperkerntemperatur zu vermeiden. Wird Wärme dagegen durch wenig atmungsaktive Systeme eingeschlossen, steigt die thermische Belastung schneller an. Beschäftigte benötigen dann häufiger Pausen zur Abkühlung oder legen Schutzkleidung zeitweise ab.

Atmungsaktive Schutzkleidung kann daher einen wichtigen Beitrag leisten: Sie unterstützt das thermische Gleichgewicht des Körpers und hilft, Leistungsfähigkeit und Sicherheit auch bei hohen Temperaturen länger aufrechtzuerhalten.

Fazit: Optimierte Schutzkleidung als Schlüssel gegen Hitzestress

Hitzebelastung ist ein Risiko bei körperlich anspruchsvollen Arbeiten im Freien, wie sie auf Baustellen zunehmend bereits im Frühjahr, vor allem aber im Sommer an der Tagesordnung sind. Sie ist physiologisch messbar, wissenschaftlich belegt und durch geeignete Schutzkleidung beeinflussbar. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass effektiver Schutz bei Hitze nicht allein durch Normerfüllung erreicht wird. Entscheidend ist vielmehr, wie gut Schutzkleidung den Körper dabei unterstützt, entstehende Wärme abzugeben und das thermische Gleichgewicht aufrechtzuerhalten.

Schutzkleidung, die den Wärme- und Feuchtigkeitshaushalt unterstützt, verlängert die Zeit, in der sicher gearbeitet werden kann, stabilisiert Leistungsfähigkeit und Aufmerksamkeit der Beschäftigten und reduziert das Risiko, dass sich die Hitzebelastung im Laufe des Arbeitstags weiter aufbaut. Atmungsaktive Materialien unterstützen dabei die natürliche Wärmeabgabe des Körpers und helfen, einen kritischen Anstieg der Körperkerntemperatur zu vermeiden.

Atmungsaktivität, Feuchtigkeitsmanagement und Gewicht sind damit zentrale Sicherheitsfaktoren. Für die Auswahl von Persönlicher Schutzausrüstung bedeutet das: Neben Anforderungen, die der Norm genügen, sollte die physiologische Realität im Arbeitsalltag stärker berücksichtigt werden. Denn Sicherheit entscheidet sich nicht allein am Material – sondern am Menschen, der sie trägt.

Autorin

Sabrina Herzele ist Produktentwicklerin bei der Marke GORE-TEX®

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