Wenn der Algorithmus Vorschriften liest

Wie die Gebäudeversicherung Bern KI im Brandschutz einsetzt – und was das für Planer, Behörden und Laien bedeutet

KI kann das Verständnis der neuen Brandschutzvorschriften deutlich erleichtern. (Foto: gvb.ch)

Brandschutzvorschriften sind komplex. Für Laien oft unverständlich, für Profis zeitaufwendig – und mit der Totalrevision der Brandschutzvorschriften 2026, die voraussichtlich 2027 in Kraft tritt, wird es nicht einfacher. David Sauser, Leiter Prävention und Intervention bei der Gebäudeversicherung Bern (GVB), hat sich daher früh gefragt, ob künstliche Intelligenz helfen kann, einen Weg durch den Vorschriftendschungel zu bahnen. Die Antwort ist AI4Fire: Ein Webtool, das Architekten und Gebäudeplaner bei der Erstellung von Brandschutznachweisen unterstützt.

Vom Forum zur KI-Plattform

Der Weg dorthin begann mit einem wiederkehrenden Problem: «Wir hatten viele Anfragen von Bürgerinnen und Bürgern, die nicht recht wussten, wie sie mit den Brandschutzvorschriften umgehen sollen», erzählt Sauser. 2015 rief die GVB daher eine Brandschutzplattform ins Leben – zunächst mit einem Forum, das die häufigsten Fragen standardmässig beantworten sollte. «Der Grundgedanke war: Wir brauchen etwas, das Antworten gibt, damit wir nicht die gleiche Frage siebenmal beantworten müssen.»

Daraus entstand Heureka Plus – eine Plattform, die präskriptive Vorschriften automatisiert abbildet. «Wir wollten die klassischen If-then-Abfragen mit Zielbäumen: Der Nutzer macht Angaben zu seinem Gebäude und bekommt mitgeteilt, welche Vorschriften dafür gelten.»

Beim Nutzertesting zeigte sich schnell: Der Teufel steckt im Detail. «Visualisierung schlägt Text», fasst Sauser eine der zentralen Erkenntnisse zusammen. «Wir mussten uns kurz fassen, verständliche Sprache verwenden und Fachbegriffe für Laien umschreiben. Und: Nach maximal zwanzig Fragen muss das erste Erfolgserlebnis kommen – sonst springen die User ab.»

Die grosse Ernüchterung

Als ChatGPT im November 2022 für die breite Öffentlichkeit zugänglich wurde, war die Begeisterung gross. Die GVB investierte, testete und passte das Modell an die eigenen Bedürfnisse an. Dabei stiessen sie auf ein fundamentales Problem: die Halluzinationen der KI. «Manchmal war das Ergebnis zusammenhanglos.»

Konkret: Eine Anforderung wie «EI30» kann aus unterschiedlichen Gründen gefordert werden. Z.B. als Begrenzung einer Brandabschnittsgrösse oder in Zusammenhang mit gefährlichen Stoffen. «Dann kann die KI durcheinander kommen und es entsteht Unsinn», so Sauser. Für ein Tool, das als Grundlage einer Baubewilligung dienen soll, ist das keine Option.

Die Konsequenz: Die GVB blieb vorerst bei den bewährten Zielbäumen für den eigentlichen Brandschutznachweis und tüftelte parallel weiter.

AI4Fire – der Fluchtplan aus dem Vorschriftenlabyrinth

Aus diesem Prozess entstand AI4Fire. Das Tool prüft die Einhaltung der Brandschutzvorschriften in Echtzeit, ein integriertes GPT-Modell beantwortet Fragen klar und verständlich. «Architekten können Stolpersteine früh aus dem Weg räumen. Das Ergebnis ist ein vorgeprüfter Nachweis, der das Baubewilligungsverfahren effizienter gestaltet und Planungssicherheit bietet», erklärt Sauser.

Parallel dazu hat sich die Technologie rasant weiterentwickelt. «Der Zuwachs ist exponenziell. Die Tools sind sehr schnell sehr viel besser geworden – das haben wir gemerkt.» Das Halluzinationsproblem, das den ersten Versuchen zu schaffen machte, ist heute deutlich kleiner.

BSV 2026 und der nächste Schritt

Mit der Totalrevision der Brandschutzvorschriften 2026 steht die Branche vor einer neuen Herausforderung. Die neuen BSV sind bewusst wie ein Gesetzestext geschrieben – mit Querverweisen, einheitlicher Struktur und ohne Wiederholungen. «Wir haben das Gefühl: Das wird für viele Laien schwierig», sagt Sauser.

Andere Gebäudeversicherungen wurden darauf aufmerksam: Die GVZ nahm Kontakt auf, die Aargauische und die Waadtländer Gebäudeversicherungen zogen mit. Gemeinsam entwickeln die vier Kantonalen Gebäudeversicherungen, zusammen mit der VKF, nun aus dem POC ein marktfähiges Produkt, das zum Start der BSV 2026 zur Verfügung steht.

Verantwortung bleibt beim Menschen

Trotz aller Begeisterung setzt Sauser klare Grenzen. KI sei immer nur eine Momentaufnahme. Repetitive Aufgaben und das Schreiben grosser Konzepte werde die Technologie übernehmen – «aber die Verantwortung liegt immer beim Menschen.»

«Es braucht den Hirnschmalz von jemandem, der nicht nur theoretisch gute Konzepte macht, sondern solche, die man auch im Alltag leben kann.» KI erleichtere die Arbeit, ersetze aber nicht das Urteilsvermögen. Gebäude, in denen Menschen leben, brauchen am Ende immer jemanden, der Verantwortung übernimmt.

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